USA: Wie es ist, im Land der Autofahrer keiner zu sein

Ich war nun zwei Wochen in den USA. Alleine. Ohne Automobil. Was in Europa kein Problem ist, schränkt die Bewegungsfreiheit im Land der Freiheit spürbar ein. Dies fällt spätestens dann auf, wenn man zu Fuß nach Google Maps läuft und plötzlich auf einer Schnellstraßenkreuzung steht – ohne Gehweg. Ich bin trotzdem von New York bis San Francisco gekommen und habe weniger gesehen, als ich hätte können. Hier also die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte für jeden, der sich dafür interessiert, wie man auch als Europäer in einem Industrieland Abenteuer erleben kann.

Kultur

Ob es nun die amerikanische oder noch die britische Kultur ist, weiß ich nicht endgültig zu beurteilen. Ich möchte jedoch die offensichtlichsten Kulturunterschiede aufzeigen, die einem als Deutscher vielleicht ungewohnt vorkommen:

  1. Immer lächeln und grüßen. Amerika ist sehr groß – doch im Gegensatz zu deutschen Großstädten, wo man sich am Bahnhof schon nicht mehr anschaut, grüßt man sich auch hier in Großstädten. Und ein Lächeln gehört immer dazu.
  2. Jeder ist ein Gesprächspartner. Wenn man in Deutschland in der S-Bahn ein Gespräch anfängt, wird man meistens misstrauisch angeschaut. In Amerika ist es selbstverständlich sich überall mit Fremden zu unterhalten: Beim Kaffee bestellen, in der U-Bahn, auf dem Bahnsteig oder, wenn man unbedingt was loswerden will, einfach auf der Straße.
  3. Lieber zu viel versprechen, als nicht verkaufen. Was man von den großen amerikanischen Konzernen in Deutschland etwas mitkriegt, sieht man in Amerika überall: alles ist “the best”, “most amazing” und empfehlenswert. Eigentlich kann man dort alles kaufen – also wenn es nach den Leuten dort geht. Und die Leute selber haben auch “Skills” und “Experience”. Man nennt sich hier selber zuerst. Das Wichtigste hierbei ist, das man auf sich selber vertraut und sich nicht von der Werbung und den Verkäufern, ablenken lässt. Denn das Eine ist die Kultur, offen Selbstlob auszusprechen, das Andere, wenn man sich dabei das Geld aus der Tasche ziehen lässt.
  4. Überall Vorschriften und Warnungen. Es finden sich nicht nur auf Kaffeebecher Warnungen – sondern auch an Rollläden, Verpackungen (also die Hälfte der Verpackung ist teilweise Warnungen) und überall sonst. Je nach Staat variiert die Menge.
  5. Uhrzeiten modulo 12. Die Amerikaner benutzen, wie die Briten, die 12-Stunden Uhrzeit. Also ist 8 Uhr nicht gleich 8 Uhr, sondern unter Umständen auch mal 20 Uhr. Aber das sagt zum Glück das a.m. (Vormittags 00:00-11:59) und p.m. (Nachmittags 12:00-23:59) aus – wichtig 12pm ist unser 12 Uhr und 12am ist unser 0 Uhr.
  6. Plus/Minus Steuern. In Deutschland sind die Preise stets “inkl. MwSt.”. In Amerika nicht. Manchmal sind sie mit “Tax” – manchmal ohne. Im Supermarkt meist ohne, im Café meist mit.
  7. Ein Herz für die Dienstleister. Trinkgeld geben gehört in Amerika zum Essengehen dazu – deswegen kriegt man auch immer die Chance etwas zu geben.

New York stellt vermutlich eine Ausnahme dar, wenn es um das Grüßen geht – die Stadt ist zu groß.

Mobilität

Ohne Auto eine Herausforderung. Jedoch möglich. Erstaunlich günstig (nicht nur aus deutscher Sicht) sind Zugtickets in Amerika. Jedoch sollte man die Distanzen nicht unterschätzen – denn von San Diego bis nach San Francisco sitzt man schon mal um die 10 Stunden im Zug. Wer früh bucht und besser bei Kasse ist, kann auch fliegen. Jedoch ist zu beachten, dass das Land der Freiheit nicht Land der Beinfreiheit ist – hier ist es noch knapper als bei europäischen Flügen. Falls beides nicht die gewünschte Abdeckung liefert, gibt es auch in Amerika Reisebusse – Greyhound ist der größte Konzern und in Kalifornien macht Flixbus mit den Preisen Konkurrenz.


Der Pacific Coastliner im Bahnhof, dann auf der Streck durch Kalifornien. Ganz rechts die berühmte Union Station in New York.

Innerhalb von Städten gibt es meistens Busse, Straßenbahn oder U-Bahn. Jedoch variiert die Abdeckung stark nach der Größe der Stadt – und während U-Bahn alle 5 Minuten kommen mögen, habe ich keinen Bus erlebt, der häufiger als alle 20 Minuten fuhr. Überraschenderweise gab es sogar Fahrpläne, die relativ genau angegeben haben, wann die Busse kamen.

Straßenbahnschienen durch San José.

Auch wenn es all diese Transportmittel gibt, kommt man nicht überall hin: am schwierigsten gestalten sich die National Parks. Und wenn man es bis dahin schafft, muss man es noch bis zur Unterkunft schaffen. In den Städten bedeuten die Öffentlichen auch manchmal große Umwege, sodass Laufen genauso schnell geht. Am Ende lohnt sich eine Unterkunft in einer guten Lage.

Vernetzung

Viele preisen an, dass man in Amerika überall WLAN-Hotspots hat. Jedoch heißt das noch nicht, dass man sie auch immer benutzen kann. Oftmals sind sie überlastet oder zu stark gedrosselt – wenn sie nicht gerade mit einem Passwort versehen sind. Im Zug gibt es auch häufig WLAN – aber wie sich herausstellt, auch nicht immer. Die Abdeckung ist nichtsdestotrotz exzellent und ich bin auch gut nur mit den Hotspots zurecht gekommen – wenn es auch manchmal mühsam war.

Wenn man mal ein gutes Netz gefunden hat, empfehle ich, sich abzusichern und ein VPN zu nutzen. Am besten selber recherchieren – ich nutze für’s Smartphone SecureMe und für den Browser Zenmate.

Wer sich länger in den Staaten aufhält, sollte sich nach einer preiswerten Prepaid-Karte mit LTE umschauen. Damit hat man mobiles Internet und kann im Zweifel sich ein Taxi (oder besser ein Uber hier) rufen und viele Annehmlichkeiten ausnutzen.

Ernährung

Die wichtigste Lektion, die ich jedes Mal auf Reisen lerne: Das Essen entscheidet. Keine gute Reise ohne vernünftiges Essen. Für ein ausgewogen lebenden Europäer ist Amerika damit eine Herausforderung. Fast alle Restaurants sind hier Ketten – dies sagt aber nichts aus, außer die ähnliche Speisekarte. Mindestens die Hälfte der Restaurants sind Fast-Food-Läden – was nicht schlecht sein muss. Die Herausforderung ist, ausgewogene Mahlzeiten zu finden, wo auch die Qualität stimmt.

Leckere Fast-Food-Werbung in San José.

Die klassischen amerikanischen Gerichte sind Sandwiches (dazu zählen Burger), Pommes, Pizza (ganz käsig und fettig), Cheese-Maccaroni, alles mit “Egg”, “Ham” und “Bacon” und ähnlichem. Glücklicherweise finden sich zwischen Restaurants, deren Speisekarte das widerspiegelt, auch Alternativen. Man muss aber lange suchen. Ich habe jedoch auch leckere mit frischem Gemüse gefüllte Wraps gegessen, “gesunde” Bowls (also Schalen mit Reis oder Quinoa, Gemüse und optional Fleisch) oder Nudeln mit etwas Frischem dabei. Jedoch musste ich wirklich sehr lange nach diesen suchen – und in San Diego habe ich kein einziges solcher Restaurants gefunden. Im Gegensatz zu Schottland, findet man hier auf den Speisekarten aber auch gerne Salat – wenn man sich also eine extra Portion leisten kann, dann kriegt man die Frische.

Eine klassich-amerikanische Mahlzeit – bei den Niagarfällen in Kanada.

Am schwierigsten war es für mich, ein vernünftiges Frühstück zu finden. Hier gibt es zum Frühstück entweder etwas fettiges (Eier, Schinken, etc.), süßes (Crêpes, Waffeln, süßer Joghurt, etc.) oder – ganz hoch im Kurs – Bagels (hat wohl den weißen Toast ersetzt). Entweder habe ich mich dem also hingegeben oder mir mein eigenes Müsli gemischt.

Essen in Amerika kostet jedoch viel. Auch wenn man Selbstversorger praktiziert und versucht im Supermarkt etwas in der richtigen Größe für den eigenen Geschmack zu finden. Meistens findet man in den Supermärkten nur Familienpackungen. Außerdem bietet nicht jeder Supermarkt “organic” an – da wird man es dann schwer haben überhaupt etwas unverarbeitetes ohne Zuckerzusatz zu finden (frisches Obst und Gemüse findet man immer – wobei das Wort “frisch” mal dahingestellt sei). Grundsätzlich muss man sich beim Einkaufen natürlich auf völlig andere Verpackungen, Sortierungen, Preise, Größen, Inhaltsstoffe und einer anderen Auswahl einstellen. So habe ich in keinem Supermarkt ein Müsli ohne Zuckerzusatz gefunden. In Kanada und Deutschland eine Selbstverständlichkeit – vor allem wenn es mindestens zwanzig(!) zur Auswahl gibt.

Übernachtung

Man kann in Amerika für wenig Geld übernachten, dank den sogenannten Motels. Diese finden sich strategisch gelegen, an den langen Autobahnen (bzw. Highways). Wenn man nun aber kein Auto hat, ist man jedoch zufällig meistens nicht an jenen günstig gelegenen Orten. Zum Glück hat sich inzwischen auch das Konzept von “Jugendherbergen” in Amerika verbreitet und man findet in jeder größeren Stadt und in vielen interessanten Touristengegenden Hostels von HI USA.

Wie schon im Kultur-Teil erwähnt, ist Amerika das Land der Verkäufer – jedoch nicht unbedingt der Standards und Qualität. Man sollte also immer strikt drauf achten, was man bei Unterkünften für den Preis kriegt. Saubere Bäder oder Böden sind hier nicht Pflicht. Ruhe ab 22 oder 23 Uhr wird zwar meistens verlangt – aber nicht jeder respektiert im Land der Vorschriften die Vorschriften. Frühstück inklusive ist zwar schön, jedoch verweise ich auf den vorherigen Abschnitt (Ernährung).

Zurück zu den Hostels. Nicht alle HI Hostels werden auch von HI USA betrieben – und so ist es mir einmal passiert, dass ich in einem Hostel übernachtete, das zwischen 11 und 16:30 Uhr abgeschlossen war – sehr toll, wenn man wie ich eine Erkältung hat. Es ist also schwer etwas pauschal über Hostels auszusagen: Bei den Niagara Fällen und in San Luis Obispo haben die Betten so laut gequietscht, dass man sich Nachts nicht bewegen wollte. In New York und San Diego gab es wenig zu beklagen.

Hostelling International ist ein Dachverband für die Jugendherbergsverbände unterschiedlicher Länder. Der Deutsche (DJH) ist auch dabei und man erhält als Mitglied an allen HI Hostels um die 10% Rabatt. Wenn man also dort übernachtet, rentiert sich die Mitgliedschaft schnell.

Eine Alternative ist noch Bed and Breakfast (BnB). Am einfachsten geht das natürlich mit Airbnb. Warnung vorweg: auch hier gilt, aufmerksam die Ausschreibung und die Kommentare durchlesen, denn es wird vieles schön geredet und es findet sich auch Spam darunter.

Wie schon erwähnt, ist die Lage beim Reisen ohne Auto nicht unerheblich: Einerseits sollte man leicht vom Bahnhof, Flughafen oder wie man sonst so ankommt, zur Unterkunft kommen, andererseits sollte die Unterkunft auch so liegen, dass man gleich im Geschehen ist und nicht jeden Tag ewig laufen muss – denn das kann echt den Spaß verderben. Als letztes sollte man sich auch kurz über die Nachbarschaft aufschlauen, ob diese überhaupt sicher ist.

 

Das waren aus meiner Sicht die wichtigsten Themen, mit denen man in den USA so alltäglich konfrontiert ist. Als letztes noch einen Tipp: Sollte man sich irgendwo wiederfinden, wo man sich nicht wiederfinden will, empfiehlt es sich nach dem nächsten Starbucks zu suchen – das ist mein Indikator für gepflegte Ecken in den USA. Das hilft auch, den Stadtkern (manchmal auch als Downtown bekannt) ausfindig zu machen. Deshalb sollte man immer eine Offline-Karten-App auf dem Handy haben. Jeder sollte seine eigene finden – ich nutze maps.me.